Der Mensch zwischen Größe und Elend
Nachwuchswissenschaftler forschen zum Wert des Lebens
Die Würde des Menschen ist unantastbar. In seiner Grundaussage ist dieser Satz weitgehend unumstritten, doch wann und wie die Würde des Menschen verletzt wird oder wie sie geschützt werden kann, darüber gehen die Meinungen in ethischen Debatten bisweilen stark auseinander. Grund genug für einige Doktorandinnen und Doktoranden der Theologischen Fakultät Trier, sich mit dem Konzept der Menschenwürde in verschiedenen Teilbereichen und Nachbarwissenschaften der Theologie auseinanderzusetzen.
Unter Leitung von Prof. Dr. Johannes Brantl (Lehrstuhl für Moraltheologie) hatten sich die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler zunächst mit grundlegenden Texten zur Menschenwürde auseinandergesetzt. Im Anschluss erarbeitete jede und jeder einen Vortrag aus ihrem bzw. seinem Forschungsgebiet. Diese wurden im Rahmen des erstmals veranstalteten akademischen Semesterforums unter dem Titel „Der Mensch zwischen Größe und Elend. Vom Wert des Lebens im christlichen Denken“ am 10. Juli einer interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.
Den Anfang machte die Philosophin Asadeh Manuela Ansari mit ihrem Vortrag „Wert oder Pflicht? Überlegungen zur Interpretation des Würdebegriffs bei Kant“. Darin nahm sie kritisch Stellung zu einem neuen Ansatz in der Kant-Interpretation, der durch Oliver Sensen vertreten wird. Laut Sensen spreche Kant nicht von einer dem Menschen angeborenen Würde im Sinne eines Wertes, der dem Menschen qua Mensch zukomme, vielmehr sei Würde ausschließlich als Pflicht zu verstehen. Die Interpretation gegen den Wortlaut des Kant-Textes beurteilte Ansari dabei als problematisch und kam zu dem Ergebnis, dass sich die Würde des Menschen bei Kant zumindest nicht ausschließlich als Gestaltungsauftrag verstehen lasse, sondern eben auch als Wert, der der Gattung an sich zukomme.
Mit Fragen der Behindertenethik beschäftigte sich Michael Ziegler. Ausgehend von der Feststellung, dass jedes Konzept von Behinderung nicht auf natürlichen Gegebenheiten, sondern auf gesellschaftlicher Konvention beruhe, stellte er den Ansatz der „Ethik des Anderen“ von Emmanuel Levinas vor. Er kam zu dem Ergebnis, dass eine Ethik, die die Andersheit des Anderen von Beginn an als gegeben voraussetzt, sowohl Vorurteile gegenüber Behinderten als auch paternalistische Verhaltensmuster überwinden könne.
Christoph Morgen leitete mit seinem Vortrag über in die praktische Theologie. Dabei ging er auf die systemische Organisationsberatung in der Kirche ein, die sich zwar in den deutschen Diözesen weitgehend durchgesetzt hat, aber in der Theologie aufgrund der Frage nach ihrem Menschenbild auch auf Vorbehalte stößt. Nach einer grundlegenden Einführung in den systemtheoretischen Ansatz zeigte der Referent, in welcher Form systemische Beratung in der Kirche am christlichen Menschenbild orientiert geschehen kann.
Die Rechtmäßigkeit kirchlicher Stellungnahmen zu aktuellen Menschenrechtsfragen untersuchte Nicole Hennecke am Beispiel der Flüchtlingsproblematik in Italien. Dort waren katholische Bischöfe und Vertreter der Caritas für ihre Verurteilung der Vorgehensweise gegenüber den aus Afrika kommenden „boat people“ scharf kritisiert worden. Die Referentin zeigte auf, dass nach den Grundsätzen des kirchlichen Rechtsverständnisses eine kirchliche Einmischung in politische Fragen sehr wohl geboten sei, nämlich für den Fall, dass die Würde des Menschen verletzt wird.
Christian Schröder untersuchte den Beitrag der Kirchen zur Diskussion um die weltweite Massenarmut und den Versuch ihrer entwicklungspolitischen Überwindung in den 60er und 70er Jahren. Er konnte aufzeigen, dass Armut dieses Ausmaßes in den verschiedenen Konfessionen durchgehend als Verletzung der Menschenwürde verstanden wurde. Dabei wurde die Massenarmut spätestens seit 1970 über die Konfessionsgrenzen hinweg nicht nur als sozialethisches, sondern auch als ekklesiologisches Problem angesehen.
Aus dem Blickwinkel der Liturgiewissenschaft beleuchtete Guido Pasenow die Veränderungen in den Gabengebeten der Messe. Während in der Liturgie seit dem 16. Jahrhundert vor allem der Opfergedanke vorherrschend gewesen war, zeigt sich in den erneuerten Gabengebeten das Bemühen um die Hochschätzung der Gaben als gemeinsames Werk von Gott und Mensch und damit eine stärkere Betonung des Wertes der Schöpfung.