Meldung vom 01.08.2019

 „Die gegenwärtige Situation ist sehr spannend“

Vikar Lukas Schröder zu seiner Studie über das Selbstverständnis katholischer Priester

Seelsorger, Kommunikator, Manager – immer vielfältiger werden die Erwartungen an katholische Priester in Deutschland und die Anforderungen verändern sich. Doch kaum einer fragt danach, wie sich die Priester angesichts der einschneidenden Veränderungen in Kirche und Gesellschaft selbst wahrnehmen, wie sie sich fühlen und was sie denken. Das möchte Vikar Lukas Schröder jetzt herausfinden. Er ist selbst Priester, in der Seelsorge tätig und schreibt im Auftrag seines Erzbischofs an der Theologischen Fakultät Paderborn im Fach Pastoralpsychologie und -soziologie seine Doktorarbeit. Im Rahmen des innovativen Projektes "Kirche in Zeiten der Veränderung" forscht er dort zusammen mit zehn weiteren jungen Doktoranden.
In seiner Studie fragt er nach den „Subjektiven Theorien römisch-katholischer Priester zu seelsorglicher Identität und seelsorglichem Handeln in einer Zeit gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche“.

Herr Vikar Schröder, Sie forschen zu den Veränderungen im Selbstverständnis von Priestern. Was hat es mit Ihrer Studie auf sich?

Lukas Schröder: Ich mache eine Interviewstudie, welche die Identität von Priestern in den Zeiten des kirchlichen und gesellschaftlichen Wandels untersucht. In den kommenden Wochen und Monaten werde ich bundesweit etwa 50 Priester ausführlich befragen, wie sie ihre Arbeit erleben, was ihnen Kraft gibt, was ihnen Energie raubt, und wie sie sich selbst als Priester verstehen.

Sie sprechen von Zeiten des kirchlichen und gesellschaftlichen Wandels. Inwiefern betreffen diese den Priesterberuf?

Schröder: Papst Franziskus hat in seinem aktuellen Brief an die Katholiken in Deutschland davon gesprochen, dass die Kirche nicht nur vor einem großen Wandel steht, sondern geradezu vor einer Zeitenwende. Das betrifft auch und wesentlich die Priester. Viele Mitbrüder sorgen sich darum, wie sie den Kontakt zu den Gläubigen in den immer größer werdenden pastoralen Räumen aufrechterhalten können. Die gesellschaftliche Rolle des Priesters verändert sich. Aber auch seine Aufgaben und Zuständigkeiten erleben einen Wandel: Wenn ich auf das Erzbistum Paderborn schaue, so werden hier beispielsweise derzeit Verwaltungsleiter, also beruflich qualifizierte Laien, in den Pastoralen Räumen eingeführt und den leitenden Pfarrern zur Seite gestellt. Wortgottesdienste mit Kommunionausteilung, geleitet durch Laien, dürfen inzwischen auch am Sonntag gefeiert werden. Es werden zunehmend ehrenamtliche Frauen und Männer für die Übernahme von kirchlichen Bestattungen ausgebildet und eingesetzt; sie erfreuen sich vielerorts bereits einer hohen Anerkennung in den Gemeinden. Dies sind nur einige Beispiele von vielen, die derzeit das Selbstverständnis von Priestern berühren. Nach den Jahren der Volkskirche braucht es heute auch neue missionarische Kompetenzen. Zudem diskutieren die kirchliche und die breite Öffentlichkeit nach den Missbrauchs- und Finanzskandalen über klerikale Macht und deren Folgen. Die gegenwärtige Situation ist für Priester sehr spannend.

Was macht dieses Selbstverständnis eines Priesters denn aus? Wie ist Identität hier zu verstehen?

Schröder: Es gibt sicher nicht das eine Selbstverständnis, das für alle Priester gleichermaßen gilt. Vielmehr ist zu erwarten, dass die einzelnen Menschen hier sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Die  eigene Geschichte, die Erlebnisse in der Seelsorge, die Erwartungen der Menschen, theologische Positionen, verschiedene Kraftquellen oder auch das, wie man seine Freizeit gestaltet, können solche prägenden Teilaspekte sein. Eine Vermutung von mir ist, dass diese quer durch die Generationen und die verschiedenen Tätigkeitsfelder von Priestern unterschiedlich gelagert sind und damit in den verschiedenen Begegnungen im pastoralen Alltag unterschiedlich Einfluss nehmen. Das versuche ich herauszufinden und auszuwerten.

Sie selber sind auch Priester, wurden 2016 geweiht. Inwieweit verbinden Sie die eigenen pastoralen Erfahrungen mit der Forschung?

Schröder: Richtig, ich bin seit 2016 selber Priester und arbeite neben der Forschung mit einer halben Stelle als Vikar in einem Pastoralen Raum im Erzbistum Paderborn, der ländlich-katholisch geprägt ist und im Moment ebenso viele Veränderungen, ja richtige Wandlungszeiten erlebt. Daher versuche ich ein Gespür für die Herausforderungen zu entwickeln, denen sich Priester heute stellen müssen. Ich stehe selber im seelsorglichen Dienst, zum Beispiel in der Jugendarbeit, und bin zudem mit vielen Mitbrüdern im regelmäßigen Austausch. Dennoch geht es in der Studie nicht um meine persönlichen Eindrücke und Meinungen, sondern darum, mich bewusst von mir zu distanzieren und den offenen Blick eines Forschers einzunehmen.

Das ganze Projekt ist ein Teil des neuen Graduiertenkollegs der Theologischen Fakultät Paderborn in Kooperation mit den Instituten für Katholische Theologie an den Universitäten im Erzbistum Paderborn. Was kann man sich darunter vorstellen?

Schröder: Das Graduiertenkolleg hat das Anliegen, diese gegenwärtigen Veränderungen wissenschaftlich ernst zu nehmen und aufzuarbeiten. Daher hat die Theologische Fakultät Paderborn im vergangenen Jahr elf Forschungsstipendien vergeben, die mit unterschiedlichen Projekten die gegenwärtige Situation der Kirche in Zeiten des kirchlichen und gesellschaftlichen Wandels bearbeiten. Eines dieser vielfältigen Projekte ist meine Studie zur priesterlichen Identität. Sie wird betreut von Professor Dr. Christoph Jacobs (ThF Paderborn) und Professor Dr. Ulrich Riegel (Universität Siegen). Für mein Forschungsprojekt und für mich ist dieses Graduiertenkolleg eine große Bereicherung, weil ich mit weiteren jungen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern fachlich ins Gespräch kommen und gute Anregungen erhalten kann. Eine Besonderheit des Graduiertenkollegs ist seine interdisziplinäre Arbeitsweise. Im Projekt des Graduiertenkollegs arbeiten biblische, systematische, historische und praktische Theologinnen und Theologen gemeinsam, um die gegenwärtigen Fragestellungen und Herausforderungen aus ihren jeweiligen Perspektiven diskutieren und bearbeiten zu können.

Erzählen Sie uns etwas zu Ihrer Studie. Sie wollen bundesweit etwa 50 Priester befragen …

Schröder: … genau, ich suche Priester quer durch alle Generationen und Tätigkeitsfelder, also sowohl in der Seelsorge in den Gemeinden vor Ort, wie auch in den pastoralen Feldern mit besonderen Schwerpunkten, vom leitenden Gemeindepfarrer bis zum mitarbeitenden Priester im Team, vom Krankenhausseelsorger bis zum Schulseelsorger, von der Küste im Norden bis zu den Bergen im Süden, von West bis Ost. Ziel ist es, mit den etwa 50 Interviews ein möglichst umfassendes Bild der Priester in Deutschland zeichnen zu können.

Wie wählen Sie die Priester aus, und wie läuft so ein Interview ab? Auf was muss sich ein Teilnehmer vorbereiten?

Schröder: Nach methodischen Kritierien habe ich eine Verteilung der Interviewpartner nach verschiedenen Gesichtspunkten erstellt. Zu den wichtigsten gehören Alter, Tätigkeitsfeld und der Lebensort in Deutschland. Wenn ich also zum Beispiel drei leitende Pfarrer im gleichen Alter im Norden und Westen schon interviewt hätte, bräuchte ich auf jeden Fall noch Vikare, Pastöre, Priester in der Sonderseelsorge im Osten und im Süden Deutschlands. Ziel ist, wie gesagt, ein möglichst umfassendes Bild, in dem sich am Ende alle Priester in Deutschland wiederfinden können. Der Teilnehmer braucht keine Vorbereitung. Es gibt ein offenes Gespräch mit einer Dauer von etwa zwei Stunden, das ich mit einem Audiogerät aufnehme. Alle Aussagen werden jedoch vollständig anonymisiert, damit in der Auswertung und Veröffentlichung keine Rückschlüsse auf die Teilnehmer gezogen werden können.

Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie am Ende der Studie, beziehungsweise was kann seitens der Kirche erwartet werden?

Schröder: Ich spekuliere bewusst, wie schon gesagt, nicht mit gezielten Ergebnissen. Die Studie wird ergebnisoffen geführt, das heißt, ich interpretiere und leite das Ganze nicht nach meinem persönlichen Geschmack. Am Ende soll eine methodisch geleitete und fundierte Beschreibung und Analyse der gegenwärtigen Situation der priesterlichen Identität stehen. Es wäre wünschenswert, dass diese Ergebnisse den Verantwortlichen in Aus- und Fortbildung und in den Bistumsleitungen eine Hilfe sind, damit sie auch in Zukunft auf die Herausforderungen und die Entwicklung der Seelsorge durch den Personaleinsatz angemessen reagieren können. Priester sollen spüren: Unser Leben kann gelingen.

Wenn sich ein Priester angesprochen fühlt und an der Studie teilnehmen möchte, was muss er tun?

Schröder: Zunächst freue ich mich auf jede Kontaktaufnahme zu mir. Ich hoffe nämlich auf große Vielzahl und Vielfalt an Mitbrüdern, damit der Verlauf der Studie gelingen kann. Am besten ist die Kontaktaufnahme per Email (l.schroeder@thf-paderborn.de) möglich, mit einer kurzen Vorstellung und Beschreibung der priesterlichen Tätigkeiten. Für ein umfassendes Bild ist ein großer Pool an möglichen Teilnehmer wichtig.

Lukas Schröder ist 29 Jahre alt und als Vikar im Pastoralen Raum Warstein tätig. Gleichzeitig ist er Mitarbeiter im Kurs-Team der Gesprächsseelsorgekurse der Theologischen Fakultät Paderborn (www.gespraechsseelsorge.de) und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Praktische Theologie der Universität Siegen. Der gebürtige Ostwestfale wuchs in Verl und Bielefeld auf und studierte in Paderborn und Wien Katholische Theologie. Seine Diplomarbeit schrieb er bereits bei Professor Dr. Christoph Jacobs am Paderborner Lehrstuhl für Pastoralpsychologie und -soziologie. 2016 wurde er für das Erzbistum
Paderborn zum Priester geweiht. In seiner Freizeit ist Vikar Schröder Musikliebhaber, Fan von Arminia Bielefeld und leidenschaftlicher Hobbygärtner. Bildunterschrift: Vikar Lukas Schröder ist Stipendiat des Graduiertenkollegs an der Theologischen Fakultät Paderborn und promoviert im Fach Pastoralpsychologie und -soziologie zu „Subjektive Theorien römisch-katholischer Priester zu seelsorglicher Identität und seelsorglichem Handeln in einer Zeit gesellschaftlicher und kirchlicher Umbrüche“.

Theologische Fakultät Paderborn | Foto: ThF-PB