Jahrestagung der Meister-Eckhart-Gesellschaft 2011 in Erfurt
Meister Eckharts Reden für die Stadt. Die Erfurter Reden in ihrem Kontext
Interdisziplinäre Tagung im Augustinerkloster Erfurt
Eckharts Reden (rede der underscheidunge), die er, laut Titel, als Prior des Erfurter Dominikanerklosters zwischen 1294 und 1298 aus der Praxis der abendlichen Tischgespräche mit den Novizen und jungen Brüdern zusammenstellte, sind der älteste datierbare volkssprachliche Text aus der Feder des Meisters. Zugleich sind sie sein erstes Werk, das außerhalb der Universität für ein klösterliches Publikum zur spirituellen Unterweisung verfasst wurde. Die Reden sind Eckharts am weitesten verbreitetes Werk, das mit ausdrücklicher Zuweisung an seine Person in den klösterlichen und stadtbürgerlichen Bibliotheken des Spätmittelalters vollständig oder in Auszügen vorhanden war. Diese intensive Rezeption, die auch die Grenzen des deutschen Sprachgebiets überschritt, hängt sicher auch damit zusammen, dass die Reden nie von der Inquisition beanstandet wurden. Ihre lehrhaft-einfache Präsentation sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Eckharts theologisch-philosophische Lehre in nucleo bereits vollständig enthalten ist. Sämtliche Themen der Reden finden in seinen Predigten und Traktaten lediglich ihre Ausfaltung und Vertiefung.
Unter diesen Voraussetzungen ergibt sich eine Fülle von Perspektiven, aus denen sich dieser Text betrachten lässt. Er soll im Zentrum der Jahrestagung der MEG stehen, die 2011, dem Thema entsprechend, in Erfurt stattfinden wird.
Als Untersuchungsschwerpunkte sind denkbar
- ein literaturwissenschaftlich-philologisch-linguistischer Ansatz: Eckharts volkssprachliche Terminologie ist erstmals in den Reden greifbar. Wie entfaltet sie sich in den deutschen Predigten? Wie lassen sich die Reden im Kontext des literarischen Genus “Lehrgespräche” (Collationes) beschreiben? Die Reden sind in zwei Fassungen überliefert. Wie verhalten sie sich zueinander?
- ein theologisch-philosophischer Ansatz: welche Grundaxiome Eckhartscher Theologie und Philosophie finden sich in den Reden und wie werden sie weiter entfaltet? In welcher Beziehung stehen die Reden zur bisherigen lateinischen Produktion Eckharts?
- ein rezeptionsgeschichtlicher Ansatz: welche Verbreitung fanden Eckharts Reden? Wie werden sie im Traktat Vanden XII dogheden des Godfried van Wevel, einem Schüler Ruusbroecs, verarbeitet?
- ein historischer Ansatz: wie sind Eckharts Reden in der Spiritualität seines Ordens verankert? In welcher Beziehung stehen sie zu Bildung und Spiritualität sowie zur politischen Situation der mittelalterlichen Stadt?
Die genannten Fragestellungen sind nur als erste Anregung gedacht. Publikationen zum Thema in:
A. Speer und L. Wegener (Hgg.), Meister Eckhart in Erfurt (Miscellanea Mediaevalia 32), Berlin, New York 2005;
Yoshiki Koda, Mystische Lebenslehre zwischen Kloster und Stadt. Meister Eckharts ‹Reden der Unterweisumg› und die spätmittelalterliche Lebenswirklichkeit, in: E. C. Lutz (Hg.), Mittelalterliche Literatur im Lebenszusammenhang, Freiburg/Schweiz 1997, S. 225-264.
Die Vorträge sollten die Dauer von 30 Minuten nicht überschreiten. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch, eine Publikation im Jahrbuch der Meister-Eckhart-Gesellschaft ist vorgesehen.
Wir erbitten die Zusendung des Arbeitstitels zusammen mit einem Abstract von ca. 300 Wörtern bis zum
15. 09. 2010 an
Prof. Dr. Dagmar Gottschall
Università del Salento
Dipartimento di Filologia classica e scienze filosofiche
Via Stampacchia 45, Pal. Parlangeli
I-73100 Lecce
dagmar.gottschall@unisalento.it